Geschichte

Der Beginn - 1919

Am 26. März 1919, drei Monate vor Abschluss des Friedensvertrages in Versailles, wurde das heute noch in Familienbesitz befindliche, gleichnamige Außenhandelshaus, das sich zunächst in erster Linie dem Handel mit Rohjute widmete, durch Wilhelm G. Clasen unter widrigsten Umständen gegründet.

Aus heutiger Sicht war es eine Art „Start-up“ für Jute nach dem Ersten Weltkrieg, denn dazu gehörten viel Wagemut, Optimismus und nicht zuletzt Einfallsreichtum und Improvisationstalent, sowie last, but not least Fortune.

Hamburg gehörte damals zu den größten europäischen Einfuhr- und Transithäfen für Rohjute. Die damalige Bedeutung ergibt sich schon aus der Tatsache, dass allein in Hamburg drei Jutespinnwebereien ansässig waren, die seit den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts nicht mehr existieren. Deutschland importierte vor Beginn des Ersten Weltkrieges über 120.000 Tonnen Rohjute aus Indien. Auch die Sisalindustrie hatte in Deutschland ein gutes Auskommen. Allein in Hamburg gab es eine Sisalspinnerei und zwei Manilahanf-Spinnereien mit angeschlossener Produktion von Tauwerk.

Der Firmengründer Wilhelm G. Clasen

1920 – 1930

Die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg, die ihren Höhepunkt 1923 erreichte, sorgte für den Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft und des Bankensystems.

Die junge Firma konnte die auf sie zukommenden Probleme erfolgreich meistern. Die wirtschaftlichen Verhältnisse konnten sich im Laufe des Jahres 1924 stabilisieren, währungstechnisch wurden die Hyperinflation und die damit verbundene Spekulation am 15. November 1923 durch die Ablösung der Papiermark mit der Einführung der Rentenmark (wertgleich mit der späteren Reichsmark) beendet.

In den zwanziger und dreißiger Jahren konzentrierte sich das stetig wachsende Geschäft auf Deutschland, Mittel- und Osteuropa. Die Produktpalette wurde um Weichhanf, Flachs sowie Sisal und Abacá erweitert. Oberstes Prinzip: „zuallererst der Kunde“; dazu gehörte neben umfassenden Servicedienstleistungen auch die laufende Marktunterrichtung. Noch heute gibt das Unternehmen in drei Sprachen Jute-Marktberichte in Monatsabständen und Sisal-Marktberichte in mehrmonatigen Abständen heraus, die sich eines großen internationalen Interesses erfreuen.

1930 - 1940

Die Firma, genauso wie der Außenhandelsplatz Hamburg, wurde durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise hart getroffen, verbunden mit einem starken Geschäftsrückgang. Das Dritte Reich sah zwar eine wirtschaftliche Erholung, diese ging jedoch einher mit einer zunehmenden drastischen Reduzierung von Devisenzuteilungen für Importe.

Dies hatte für Außenhandelsfirmen wie Wilhelm G. Clasen einschneidende Folgen, denn nun wurden selbst für Rohstoffe Einfuhrverbote erlassen und Überwachungs- und Zuteilungsstellen eingerichtet, die sich in Berlin konzentrierten.

Der geschäftliche Alltag der Hamburger Kaufleute, besonders natürlich der Außenhändler, litt zunehmend unter einer Bürokratisierung mit einem engmaschigen Überwachungsnetz, die zu einem Hindernis ersten Ranges wurde. Transitgeschäfte wurden unter diesen Bedingungen weitgehend unmöglich. Es brach die Zeit der Kompensationsgeschäfte an und in diesen bewies Wilhelm G. Clasen außerordentlichen Ideenreichtum und Kompetenz und war recht erfolgreich.

Im Jahr 1935 wurde Wilhelm G. Clasen zum Vorsitzenden des in Hamburg ansässigen Vereins der am Handel mit Jute, Hanf und Flachs beteiligten Firmen gewählt. Mehr als 25 Jahre lang sollte er Vorsitzender des Vereins bleiben.

1940 - 1950

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die Fortsetzung einer Zusammenarbeit mit ausländischen Lieferanten in Ländern außerhalb des Einflussbereiches des Dritten Reiches unmöglich gemacht. Bereits abgeschlossene Einkaufskontrakte wurden nicht mehr erfüllt und im Ausland gelagerte Warenbestände beschlagnahmt. Der Handel mit Rohstoffen aus überseeischen Beschaffungsmärkten kam zum Stillstand und die Firma musste sich bei stark eingeschränktem Geschäftsumfang mühsam über Wasser halten mit dem Handel mit Weichhanf und Flachs osteuropäischer und südosteuropäischer Provenienz.

Doch mit nahendem Kriegsende entfielen auch für dieses Geschäft die Voraussetzungen und die Firma musste improvisieren und sich auf den Handel mit „Ersatzartikeln“ umstellen, nicht unähnlich den Verhältnissen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Im Jahre 1943 wurden die Büros der Firma Wilhelm G. Clasen durch Bombenangriffe schwer beschädigt, denen auch ein Großteil der Geschäftsunterlagen zum Opfer fiel.

Von einem Außenhandel konnte in den ersten Nachkriegsjahren nicht die Rede sein. Die Alliierten hatten den Außenhandel erst ganz verboten, um ihn dann eng zu begrenzen und jahrelang nur in Formen zuzulassen, in denen er verkommen musste, bevor er sich langsam wieder erholen konnte.

1950 – 1960

Erst Anfang der fünfziger Jahre begannen die Geschäfte der Firma Wilhelm G. Clasen wieder normal zu laufen und das Handelshaus konnte seine alten Verbindungen, die außer während der Kriegszeit nie ganz abgerissen waren, wiederaufleben lassen.

Gleichzeitig erfolgte der Aufbau neuer Verbindungen in Übersee und in Europa. Durch weitere Festigung der Marktposition gewann das internationale Geschäft zunehmend an Bedeutung. Der durch den Koreakrieg ausgelöste sogenannte Korea-Boom auf den Rohstoffmärkten, verbunden mit einer Preishausse, tat ein Übriges und kam der Geschäftsentwicklung von Wilhelm G. Clasen zugute.

Ende der fünfziger Jahre wird das Interesse des Verbrauchers an Naturfaserteppichen geweckt und wenn man von Naturfasern sprach, dann handelte es sich fast ausschließlich um Sisalwebteppiche, abgepasst von Wand zu Wand. Diese neue Nachfrage wurde von Sisalverarbeitern in Deutschland, Österreich und Belgien bedient und führte zu einem steigenden Importbedarf an Sisalfasern. Leider war das Interesse an Sisalteppichen nur von relativ kurzer Dauer, nicht zuletzt, weil Verunreinigungen sich nicht vermeiden ließen. Die Verbraucher richteten nunmehr ihr Augenmerk auf Tufting-Teppiche und gaben diesen den Vorzug. Erst später in den neunziger Jahren sollte es eine Renaissance der Sisalteppiche und -läufer geben, diesmal jedoch aus China zu äußerst günstigen Preisen.

1960 - 1970

Ab dem Beginn der sechziger Jahre wurde die Handelstätigkeit sukzessive auf ganz Kontinentaleuropa ausgedehnt und alle globalen Märkte wurden erschlossen. Wilhelm G. Clasen wurde zu einem Unternehmen mit weltweiten Geschäftsbeziehungen. Begleitet wurde diese Expansion von dem Ausbau der Produktpalette um weitere Naturfasern wie z. B. Kokos, Ramie, Kapok und Rohlinters. Ein folgerichtiger Schritt in Richtung Diversifikation nicht zuletzt auch in Anbetracht der immer schwieriger werdenden Lage der Jute- und Sisalindustrien in Europa angesichts wachsender Einfuhrliberalisierung und scharfer Konkurrenz aus Billiglohnländern.

Mitte Mai 1966 tritt Peter Clasen, der Sohn des Unternehmensgründers und heutiger geschäftsführender Gesellschafter, als Partner in die Firma ein. Im März 1969 blickt die Firma auf 50 Jahre erfolgreiche Tätigkeit zurück und eine weitere Etappe für den weltumspannenden Handel der Firma begann.

In den sechziger Jahren entwickelt sich die Herstellung von Jutefilzen zu einem neuen Produktionszweig in Europa. Diverse Fabriken spezialisierten sich auf die Herstellung dieses Produktes, das sich großer Nachfrage erfreute, zum einen als Unterlage für Bodenbeläge und zum anderen als Antidröhnmaterial in der Automobilindustrie.

1970 – 1980

Die Einfuhrliberalisierung in den damals und später zur EU gehörenden Ländern brachte es mit sich, dass sich ein Großteil der hier ansässigen Jutespinnwebereien der Konkurrenz der Niedriglohnländer Indien und Bangladesch nicht mehr gewachsen sah und dazu überging, die Garne nicht mehr selbst zu spinnen, sondern Garne aus diesen Ländern zu beziehen. Belgische Teppichweber gingen dazu über, anstelle von Jutegarnen belgischer Produktionen Kenafgarn thailändischen Ursprungs einzusetzen.

Wilhelm G. Clasen erkannte die sich bietende Chance und war einer der Pioniere bei der Einführung von Jutegarnen aus Indien und Bangladesch in EU-Länder und auch maßgeblich beteiligt an den Einfuhren von Kenafgarn aus Thailand. Das dabei gewonnene Know-how ermöglichte es Wilhelm G. Clasen, mit wachsendem Erfolg die Handelstätigkeit auf diese Sparte auszudehnen und in dieser weltweit tätig zu werden.

Mit dem Wegfall der Einfuhrbeschränkungen für Jutewaren in den siebziger Jahren wurden die EU-Länder ein bedeutender Absatzmarkt für Jutefabrikate.

Mitte der siebziger Jahre begann der Siegeszug der Verbundwerkstoffe aus Naturfasern wie Rohjute, Hanf und Flachs mit synthetischen Harzen. Diese wurden und werden zur Herstellung von Formteilen in der Kraftfahrzeugindustrie verwendet, um das Gewicht der Fahrzeuge zu verringern, denn die Kraftstoffpreise schießen zu dieser Zeit in die Höhe.

1980 – 1990

Die deutsche Juteindustrie gibt sich aufgrund konkurrenzloser Niedrigpreise für Jute-Fertigerzeugnisse aus Indien und Bangladesch geschlagen. Sie ist nicht zuletzt auch ein Opfer der sogenannten Arbeitsteilung zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern geworden und auch die Juteindustrien im europäischen Ausland sind aufgrund des Konkurrenzdrucks aus Asien dem Untergang geweiht.

Ähnliches gilt auch für die einst bedeutende Sisalindustrie in Europa, die nicht nur die Konkurrenz von Niedriglohnländern empfindlich zu spüren bekam, sondern auch die Konkurrenz von Polypropylen-Erntegarnen, die aufgrund des Preisvorteils von der Landwirtschaft bevorzugt wurden. Von der einst bestehenden europäischen Sisalindustrie sind weniger als eine Handvoll Sisalspinnereien, die vornehmlich auf der iberischen Halbinsel ansässig sind, übrig geblieben.

Auch die einst in Europa ansässigen Spinnereien, die Manilahanf (Abacá) versponnen und hieraus Tauwerk herstellten, sind vom Markt verschwunden, weil auch bei Tauwerk die Billigkonkurrenz von Polypropylen dazu führte, dass dieses heute fast ausschließlich aus PP-Garnen hergestellt wird.

Durch die rechtzeitige Anpassung der Geschäftsbeziehungen an die Marktveränderungen übersteht das Unternehmen auch diese Zeiten schadlos und nutzt die neuen Möglichkeiten, die sich u. a. bei neuen, zukunftsversprechenden Anwendungsbereichen für Naturfasern ergeben.

1990 – 2000

1994 kann das Unternehmen schließlich sein 75-Jahre-Firmenjubiläum feiern. Dank kaufmännischen Geschicks, Willenskraft und Ideenreichtum nimmt das Familienunternehmen mittlerweile einen bedeutenden Rang ein und gehört zu den führenden seiner Branche.

Der Präses der Handelskammer Hamburg bezeichnet Wilhelm G. Clasen seinerzeit in seinem Gratulationsschreiben als „Spezialisten für die Länder des indischen Subkontinents“.

In dieser Zeit gilt die besondere Aufmerksamkeit des Unternehmens China, zuvor Beschaffungsmarkt für Naturfasern. In der ersten Hälfte der neunziger Jahre wurde aus dem ehemaligen Exporteur ein Importeur und für die Firmengruppe einer der bedeutendsten Absatzmärkte, der gleichzeitig als Beschaffungsmarkt für Sisalgarne und -gewebe dient.

2000 -2010

Aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach Fasern für Verbundwerkstoffe erfolgte 2005 die Gründung des Joint Ventures Gerban Fibres Ltd. in Bangladesch gerban.com. Die gemeinsam mit einem langjährigen Geschäftspartner in Bangladesch gegründete Unternehmung ist spezialisiert auf die Veredelung von Naturfasern vor allem für die Automobil-, Papierzellstoff- und Bauindustrie. Gerban ist ISO-9001 -zertifiziert und entwickelt sich außerordentlich erfolgreich.

Im Jahre 2008 wurde die Firma Wilhelm G. Clasen Services Ltd. in Dhaka als Tochter des Mutterhauses in Hamburg gegründet. Damit beabsichtigt war, die Vorteile eines Standortes in einem Niedriglohnland zu nutzen, um eine Steigerung der Konkurrenzfähigkeit der WGC Firmengruppe auf dem Weltmarkt, speziell in China und anderen besonders umkämpften Märkten, zu erreichen und gleichzeitig sich bietende Vorteile bilateraler Handelsabkommen zwischen Bangladesch und einigen asiatischen Ländern zu nutzen. Die Firma in Dhaka wurde im Jahr 2011 umbenannt in Wilhelm G. Clasen (Bangladesh) Ltd. und betreibt den Handel mit Rohjute, Jutegarnen und Jutewaren weltweit.

Steigende Ölpreise, die Diskussion über den Klimawandel, der entsprechende politische Druck, den CO2-Ausstoß zu reduzieren – diese Fakten verschaffen seit 2009 Jute und anderen Naturfasern eine neue Aufmerksamkeit und neue Verwendungsmöglichkeiten.

2010 - Heute

Am Standort Hamburg kümmert sich heute ein bewährter Mitarbeiterstab mit großem Erfahrungsschatz um den Ausbau der vorhandenen Geschäftsbeziehungen und den reibungslosen Ablauf der weltweiten Import-, Transit- und Exportgeschäfte.

Sie alle wissen, worum es geht – Rohstoffgeschäft, ein hochsensibler Markt, abhängig von unsagbar vielen Faktoren.